Zusammenfassung der Ergebnisse



Kinder wollen selber gestalten und auch eigene Wege gehen. Sie nehmen sensibel ihre Umwelt wahr und melden eigene Ansprüche an. Die große Mehrheit ist mit ihren Lebensverhältnissen in Familie, Freizeit, Freundeskreis und Schule zufrieden und fühlt sich wohl. Die Haltung gegenüber dem, was im Leben auf sie zukommt, ist erwartungsvoll und daher positiv. Bemerkenswert ist allerdings, wie nachhaltig bereits bei Kindern ab dem Grundschulalter die sozialen Unterschiede wirken und wie maßgeblich die Herkunft den eigenen Alltag prägt. Kinder haben je nach Schichtzugehörigkeit unterschiedliche Gestaltungsspielräume.

Im Folgenden präsentieren wir einen Auszug der wichtigsten Ergebnisse der 2. World Vision Kinderstudie. Weitere Ergebnisse und zusätzliche Details entnehmen Sie bitte der Kinderstudie.

Familie heute hat viele Gesichter
 


Die Familie stellt für Kinder die primäre Sozialisationsinstanz dar. Sie basiert auf engen und emotional gewachsenen persönlichen Beziehungen. Familie bietet im Normalfall Rückhalt, Schutz und Sicherheit und bleibt als »Heimathafen« auch dann bestehen, wenn im Prozess des Aufwachsens andere Sozialisations-instanzen, wie etwa Schule, sonstige institutionelle Umwelten und der Freundeskreis, immer mehr an Bedeutung gewinnen. Die heutigen Familien können allerdings sehr unterschiedliche Formen annehmen. Mehr als ein Fünftel der von uns befragten Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren wächst nicht zusammen mit beiden leiblichen Elternteilen auf.

Abschied von der traditionellen »Ein-Mann-Verdiener«-Familie hält an



Mit 40 % lebt inzwischen nur noch die Minderheit der Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren in einer traditionellen »Ein-Mann-Verdiener«-Familie. Bei 51 % sind beide Elternteile oder der alleinerziehende Elternteil regelmäßig  erwerbstätig. Als prekär erweist sich auch weiterhin die Situation von  Alleinerziehenden. 66 % der Alleinerziehenden sind (vollzeit- oder teilzeit) erwerbstätig.

Migrationshintergrund: Nicht mehr wegzudenkender Teil des deutschen Alltags



Zusammengenommen beträgt der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund 26 %. Am häufigsten kommen die Eltern dieser Kinder aus der Türkei, aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens, aus Russland oder aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion, gefolgt von Griechenland, Italien sowie dem sonstigen Osteuropa.

Religiosität und Glauben



73 % der Kinder in Deutschland besuchen selten oder nie einen Gottesdienst. Im Osten sind es sogar 94 % und im Westen ebenfalls 70 %. Dagegen unterscheiden sich einheimische deutsche Kinder und Kinder mit Migrationshintergrund im Besuch von Gottesdiensten nur geringfügig. Dies dürfte jedoch vorrangig darauf zurückzuführen sein, dass entweder keine Gotteshäuser in der unmittelbaren Nähe sind oder aber der Besuch von Gottesdiensten je nach Religionszugehörigkeit einen geringeren Stellenwert hat.

Armut und soziale Ungleichheit



Nach unseren Ergebnissen entstammen 9 % der Kinder aus der untersten Herkunftsschicht (Unterschicht), 18 % aus der unteren Mittelschicht, 29 % aus der Mittelschicht, 29 % aus der oberen Mittelschicht und 15 % aus der Oberschicht. Eine niedrige soziale Herkunftsschicht, ein alleinerziehender Elternteil sowie fehlende Integration der Eltern in den Arbeitsmarkt sind die klassischen Risikofaktoren für ein Aufwachsen in Armut. Bezieht man sich auf die Herkunft der Kinder, so wird deutlich, dass fast die Hälfte der Kinder der Unterschicht einen Migrationshintergrund hat.

Elterliche Zuwendung



Im Zusammenhang betrachtet sind es nicht primär die Kinder, deren Eltern erwerbstätig sind, die häufiger auf fehlende Zuwendungszeit verweisen. Vielmehr sind es mit einem Anteil von 30 % vorrangig die Kinder, deren Eltern arbeitslos sind oder die aus sonstigen Gründen keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, sowie im Falle von Erwerbstätigkeit zu 31 % die Kinder von erwerbstätigen Alleinerziehenden, die fehlende elterliche Zuwendung beklagen.

Gruppenaktivitäten und Vereine
 


Regelmäßiges Mitmachen in Vereinen oder die Nutzung von sonstigen Angeboten ist in Deutschland ebenfalls schichtabhängig. Bei Kindern aus der untersten Herkunftsschicht ist es mit 42 % sogar die Minderheit, die in ihrer Freizeit entsprechenden Aktivitäten nachgeht. Je gehobener die Schicht, desto häufiger auch die Teilhabe.

Regelmäßiges Lesen



Mit 42 % lesen Jungen nur selten oder nie in ihrer Freizeit. Von den Mädchen berichten dies nur 25 %. 45 % der Jungen im Vergleich zu 62 % der Mädchen lesen regelmäßig mehrfach in der Woche oder täglich. Lesen ist weder eine Frage des Alters noch in irgendeiner Weise davon abhängig, wie häufig sich Kinder in ihrer Freizeit bewegen oder Sport treiben. Maßgeblich ist das Geschlecht der Kinder sowie die Herkunftsschicht: je gehobener die Herkunft, desto selbstverständlicher ist es für die Kinder, in ihrer Freizeit zu lesen.

Medienkonsum



Die Durchdringung des Kinderalltags mit moderner Technik bringt es mit sich, dass die Nutzung von Medien für Kinder inzwischen ein selbstverständlicher Teil des Alltags ist. Am häufigsten finden sich Fernseher (43 %) und Spielkonsolen (41 %) in  Kinderzimmern der unteren Mittelschicht. CDPlayer sind hingegen tendenziell häufiger bei Kindern aus den gehobenen Schichten im Zimmer vorhanden. Beachtenswert ist der Umstand, dass in jedem achten Kinderzimmer in der Unterschicht (12 %) kein einziges dieser Mediengeräte anzutreffen ist. Dieser sehr hohe Anteil verdeutlicht die materiellen Entsagungen, die bei besonders prekärer finanzieller Lage in der Unterschicht auch in der Ausstattung der Kinderzimmer ihren Niederschlag finden. Bei Kindern aus den oberen Schichten hat nur in etwa jedes fünfte ein TV-Gerät oder eine Konsole im Kinderzimmer.

Fernsehen



Die Schichteffekte sind hier ebenfalls markant. 28 % der Kinder aus der untersten
Herkunftsschicht berichten, regelmäßig am Tag mehr als zwei Stunden fernzusehen. Bei Kindern aus den gehobenen Schichten trifft dies hingegen nur auf rund 6 % zu. Klare Regeln im Umgang mit Computer spielen und Fernsehen zu Hause gibt es in drei Viertel der Familien. Interessanterweise geben hier Mädchen (73 %) seltener als Jungen (77 %) an, dass es solche klaren Regeln bei ihnen in der Familie gibt.

Die Schule



Die Bedeutung des Schulabschlusses ist den Kindern ganz offensichtlich geläufig. In den gehobenen Schichten findet sich bei den Kindern bereits eine klare Anspruchshaltung, die, wie die Ergebnisse der verschiedenen Schulleistungsstudien zeigen, dann später mit einem größeren Bildungserfolg einhergeht. Auffällig ist die geringe Bildungsaspiration in der Unterschicht, aber auch die Kinder aus der unteren Mittelschicht und der Mittelschicht fallen hier vergleichsweise stark zurück. Sichtbar werden an dieser Stelle die getrennten Bildungswelten. Medienkonsumenten (34 %) sind noch einmal deutlich seltener der Meinung, dass es zum Abitur reichen wird, als vielseitige Kids (62 %).

Wohlbefinden und Selbstwirksamkeit
 


11 % der Mädchen und 12 % der Jungen sind durch eine sehr hohe Selbstwirksamkeitserwartung charakterisiert. Diese Kinder betrachten sich als selbständig und vertrauen auf ihre Fähigkeiten. Sehr hohe Selbstwirksamkeit bedeutet, dass diese Kinder kaum an sich zweifeln. Bei 37 % der Mädchen und bei 36 % der Jungen ist die Selbstwirksamkeitserwartung mittel und damit im Vergleich durchschnittlich ausgeprägt. 17 % der Mädchen und 16 % der Jungen weisen eine eher geringe Selbstwirksamkeitserwartung auf. Diese Gruppe fällt im Selbstvertrauen spürbar hinter die anderen Kinder zurück. Positive Selbstwirksamkeitserwartungen finden sich bei ihnen deutlich weniger häufig.

Wertschätzung der eigenen Meinung



Auch an dieser Stelle zeigt sich, dass es vor allen Dingen Kinder aus prekären Lebensverhältnissen, insbesondere diejenigen mit eigener konkreter Armutserfahrung sowie die Kinder, die sich nicht hinreichend betreut fühlen, sind,
die im Alltag eine geringe Wertschätzung der eigenen Meinung erleben.