Hintergrund/Problem

Kinder lernen lange bevor sie in die Schule kommen. Vor allem die ersten Lebensjahre sind entscheidend für ihre weitere Entwicklung und Lernfähigkeit. Mangelnde Ernährung, Krankheit und ungenügende pädagogische Förderung sind alles Faktoren, die die Entwicklung der Kinder beeinträchtigt. Geschätzte 200 Millionen Kinder unter 5 Jahren erreichen weltweit ihr Potential der kognitiven Entwicklung nicht. Der Erwerb dieser grundliegenden Fähigkeiten ist jedoch für zukünftige positive Lernerfolge unabdinglich. Weltweit hat über die Hälfte aller Kinder unter 3 Jahren keinen Zugang zu Einrichtungen frühkindlicher Bildung. In Subsahara-Afrika trifft dies sogar auf über 80 % der Kinder in der genannten Altersgruppe zu.

58 Millionen Kinder weltweit gehen nicht zur Grundschule. In den letzten Jahren sind mehr Kinder eingeschult worden als zuvor, allerdings haben Kinder in städtischen Gebieten einen besseren Zugang zu Bildung als im ländlichen Raum und auch Jungs haben immer noch größere Chancen als Mädchens. Ebenso spielt das Einkommen der Familie eine entscheidende Rolle. Trotz der weitverbreiteten Abschaffung der Schulgebühren, müssen Eltern oder Erziehungsberechtigte Geld für Schuluniformen und Materialien aufbringen, sowie der Verlust des Kindes als Arbeitskraft stellt für die ökonomisch ärmsten Haushalte ein großes Problem dar. Besonders drastisch wird dies vor allem in der Sekundarbildung. Marginalisierte Gruppen wie Straßenkinder, ethnische oder sprachliche Minderheiten und Kinder mit Behinderung oder Krankheiten wie HIV sind besonders Diskriminierungen und somit Ausgrenzungen ausgesetzt und der Schulbesuch wird damit erschwert. Eine steigende Herausforderung ist auch die Bildung für Kinder in bewaffneten Konfliktgebieten sicherzustellen. Global machen sie rund 50 % der Kinder ohne Schulzugang im Grundschulalter aus. Während vor etlichen Jahren der Fokus auf den Zugang zu Bildung lag, fokussiert man sich heute auf die Qualität von Bildung, da diese weitverbreitet erhebliche Mängel aufzeigt. Die Schulbedingungen, wie überfüllte Klassenräume, ein Mangel an motivierten Lehrkräften mit angemessener Ausbildung, das Fehlen adäquater Schulmaterialien wie auch von Basisausstattungen (Toiletten oder eine Möglichkeit zum Händewaschen) verhindern positive Lernerfolge bei Kindern. Konzentrationsschwierigkeiten entstehen auch durch das Fehlen ausreichender Ernährung oder von Trinkwasser, ebenso leiden viele unter Angst vor Gewalterfahrungen in den nicht genug schützenden Schulen oder auf den Weg dorthin. Vielerorts wird in der offiziellen Landessprache unterrichtet, die jedoch nicht die Muttersprache der Kinder ist und damit eine weitere Hürde darstellt. Eine schlechte Bildungsqualität in Kombination mit ökonomischer Armut tragen zu hohen Schulabbruchquoten bei. Nicht wenige müssen von der Schule abgehen und durch ihre Arbeit zum Familieneinkommen beitragen, oder heiraten noch vor dem 18. Geburtstag. All diese Faktoren führten dazu, dass 2013/14 250 Millionen Kinder nicht die Grundlagen von Lesen, Schreiben und Rechnen erlernten, obwohl von ihnen 130Millionen mindestens vier Jahre eine Schule besuchten.

Die Anzahl an jungen Menschen im Alter von zehn bis 24 Jahren beträgt heutzutage weltweit 1,8 Milliarden - mehr als jemals zuvor. Von ihnen leben neun von zehn in Entwicklungs- und Schwellenländern. Sie stehen großen Herausforderungen während des Prozesses den Übergang zum „Erwachsen“ werden sicher und erfolgreich zu bewältigen gegenüber. Jugendliche sind in einer Lebensphase, die charakterisiert ist durch die Suche nach ihrer Identität, ihrem Platz und Sinn auf dieser Welt. Obwohl sie die Zukunft unserer Nationen sind, sind sie allzu oft von der Teilhabe an der Gesellschaft ausgegrenzt oder können gar durch ihre Arbeit und Dienste etwas dazu beitragen. Bis zu 60% der Jugendlichen gehen weder in der Schule, noch sind sie berufstätig oder ausgebildet. Unter den Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahre sind 73,4 Millionen arbeitslos, dies sind etwa 36 Prozent der weltweiten Arbeitslosenrate. Diese Umstände führen zu Perspektivlosigkeit und Frustration, und somit sind ihre kreativen Energien gefährdet unausgelastet zu bleiben oder sie in destruktive Aktivitäten und Verhalten umzulenken. Suchtverhalten, die Teilnahme an gefährlichen Peer-Groups und militanten Gruppierungen oder auch viel zu frühe Schwangerschaften sind Resultate davon.

Im Zeitalter der Globalisierung ist lebenslanges Lernen ein wichtiger Aspekt. Laut Erhebungen aus dem Jahr 2011 haben 774 Millionen Erwachsene weltweit immer noch keine grundlegenden Lese- und Schreibfertigkeiten, zweidrittel davon sind Frauen. Untersuchungen haben ebenfalls gezeigt, dass der Bildungsstand der Mütter entscheidend für die Entwicklung ihrer Kinder ist.


Strategie/Projektmodelle/Schwerpunkte

Bildung ist sehr wichtig, um den Armutskreislauf zu durchbrechen und nachhaltige Lebensverbesserungen zu erreichen. Aus diesem Grund engagiert sich World Vision auf vielfältige Art und Weise im Bildungsbereich.

World Vision Deutschland trägt in seinen Programmen nicht nur zur Einschulungsrate bei, sondern achtet insbesondere auf die Verbesserung der Qualität. Wurde auf internationaler Ebene zuvor hauptsächlich gemessen wie viele Kinder Zugang zu Bildung bekommen, wird nun stärker die Lesefertigkeit als Proxyindikator ins Zentrum gestellt. Konkret heißt dies wie viele Kinder nach Abschluss der Grundschulbildung tatsächlich lesen und schreiben können und den Kontext verstehen. Um diesen wichtigen Prozess adäquat unterstützen zu können, arbeitet World Vision mit den Bildungsministerien der Länder und anderen Partnerorganisationen zusammen, damit dieses Ziel erreicht werden kann. Wichtigstes Element für die Nachhaltigkeit der Interventionen ist die Eigeninitiative der lokalen Bevölkerung, die u.a. lokal relevantes Lese- und Lernmaterial erstellt. Auch Fortbildungen und Professionalisierung von Erziehern und Lehrkräften sind Teil der Strategie, sowie kontinuierliche Messungen von Fortschritten. In der Programmarbeit werden aktuell Projektmodelle entwickelt, die auf bereits erprobten Ansätzen basieren und lokal nach den Gegebenheiten adaptiert werden können. Durch Pilotierungsphasen werden sie weiter verbessert, um die Wirkung für die verschiedenen Alters- und Zielgruppen optimieren zu können.


Frühkindliche Bildung: World Vision hat Projektmodelle entwickelt, welche Aspekte frühkindlicher Bildung fördert und mit den Komponenten Ernährung und Gesundheit verbunden ist. In dieser Altersgruppe sollen grundlegende lebenspraktische Kenntnisse und wichtige vorbereitende Fähigkeiten erworben werden, die die eine Basis für die Grundschulbildung legen.

Die Kernelemente dabei sind:

Erweiterte Lernmöglichkeiten: Eltern und Freiwillige erhalten Fortbildungen, die Förderung der Kinder zu Hause wird ermöglicht, Lernmaterialien werden zugänglich gemacht, lokale Anwaltschaftsarbeit durchgeführt.

Lokale Fortbildungen/Schulungen: Bewusstseinsbildung, Entwicklung von Aktionsplänen, Zusammenarbeit mit relevanten Partnerorganisationen, Einbindung in lokale Budgetverhandlungen.

Frühkindliche Entwicklungszentren und Vorschulen: Erzieher und Hilfslehrer aus der Bevölkerung werden geschult, Ausstattung mit relevanten Lernmaterialien, muttersprachig werden vorbereitende Fähigkeiten für das Lesen und Schreiben lernen vermittelt.

Grundschulbildung: Eines der Projektmodelle für die Förderung der Grundbildung nennt sich Basic Education Improvement Plan (BEIP). Die Grundidee ist kindgerechtes Lernen zu ermöglichen, unterstützt von Lehrern, Eltern und den Gemeinden. In dieser Altersgruppe sollen Lesefertigkeiten und mathematische Kenntnisse sowie grundlegende lebenspraktische Fähigkeiten erworben werden.

Die Kernelemente des Projektmodells BEIP sind:

Schulung/Fortbildung für LehrerInnen:  Training von LehrerInnen in partizipativen Methoden und Tätigkeitslernen, Förderung von Lehrerassistenten, Schaffung von sicheren Spiel- und Freizeitplätzen für Kinder, Ausstattung von Klassenzimmern.

Gründen und Fördern von Schulkomitees: Erarbeitung von Aktionsplänen, Einbindung in lokale Budgetverhandlungen, Trainings.
 
Ortsgebundene Aktionen: Schaffung von Tutorenprogrammen unter Schülern, Förderung von lebenspraktischem Lernen außerhalb der Schule, Zugang zu lokal verwalteten oder mobilen Mini-Bibliotheken, lokale Anwaltschaftsarbeit.

Förderung von Jugendlichen: Youth Ready nennt sich ein neues Projektmodell, das Hoffnung in die Lebensumstände von Jugendlichen bringen soll. Dieses Modell ist eine zweite Chance für Jugendliche, die weder Schule eine Schule besuchen, keine oder kaum Lese – und Schreibfähigkeiten haben und/ oder arbeitslos sind. Es handelt sich dabei um einen ganzheitlich, aus mehreren Sektoren zusammengefassten Ansatz, der auf erfolgreich geprüften Vorgängermodellen beruht. Youth Ready geht auf die Bedürfnisse der Jugendlichen ein, indem man ihnen eine zweite schulische Chance bietet oder sie auf eine berufliche Teilnahme vorbereitet. Zuvor arbeitet man an der Stärkung der persönlichen Identität und ihrem Platz in der Gesellschaft, wie ihre Fürsorgepflichten als aktive und engagierte Bürger.

Bildung in humanitären Krisen/ Im Katastrophenfall:

In humanitären Katastrophenfällen werden Kinder oft nicht nur aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen, sondern auch aus ihrem Bildungsumfeld. World Vision schafft deswegen geschützte Räume für Kinder mit pädagogischer Betreuung und unterstützt den (Wieder-) Aufbau von Bildungseinrichtungen.

Studien und Quellen:

EFA Global Monitoring Report (2015). Deutsche Kurzfassung von Deutsche UNESCO-Kommission e.V. und BMZ: Bildung für alle 2000 – 2015: Bilanz, Weltbericht 2015 Kurzfassung. Bonn.

UNFPA; Stiftung Weltbevölkerung (2014): 1,8 Milliarden Junge Menschen – Potential für die Gestaltung der Zukunft, Weltbevölkerungsbericht 2014 Kurzfassung.

Unsere Expertin:

 






 

 

 

 



Verena Bloch
Fachreferentin für Kinderrechte & Bildung

institut@worldvision.de

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