Hintergrund/Problem


Jedes Jahr sterben schätzungsweise 5,9 Millionen Kinder unter 5 Jahren. Die Haupttodesursachen sind oftmals Krankheiten, die leicht vermeidbar gewesen wären: Lungenentzündung, Durchfall, Malaria sowie neonatale Ursachen. Die internationale Gemeinschaft ist sich einig, dass mit wenigen und einfachsten Maßnahmen jedes Jahr der Großteil dieser sterbenden Kinder gerettet werden können.

Ein besonderes Gesundheitsrisiko ist Unterernährung, denn 45% aller Kindstode werden mit Unterernährung assoziiert. Derzeit sind es schätzungsweise 156 Millionen Kinder chronisch unterernährt und 50 Millionen Kinder akut unterernährt. Kinder sind besonders empfänglich für Unterernährung, da sie sich noch im Wachstum befinden, einen relativ hohen Nährstoffbedarf haben, aber nur kleine Portionen verdauen können und anfälliger für Infektionskrankheiten sind als Erwachsene. Diese wiederum können einerseits den Appetit hemmen und andererseits den Energie- und Nährstoffbedarf erhöhen. Gründe, die zu Hunger und Unterernährung führen, sind sehr unterschiedlich und komplex und reichen von mangelnden Gesundheits- und Bildungssystemen bis hin zu schwankenden Lebensmittelpreisen und Klimawandel.
Neben dem offensichtlichen Hunger, den man spürt, wenn der Magen nicht gefüllt ist und knurrt, gibt es noch den heimlichen Hunger, wenn die Nahrungsmittel nicht genügend Mikronährstoffe, wie z.B. Vitamine und Mineralien enthalten, was erhöhte Krankheitsanfälligkeit, verminderte Produktivität und körperlich und mentale Entwicklungsverzögerungen zur Folge haben können. Die Verbreitung von Mikronährstoffmängeln in der Welt ist immens: man schätzt, dass 2 Milliarden Menschen einen Mikronährstoffmangel haben und dass 30% aller Frauen im reproduktiven Alter an Eisenmangelanämie leiden.
Ab Januar 2016 werden die Sustainable Development Goals (SDGs) mit ihren Zielvorgaben gültig. Diese bauen auf den Fortschritten bauen, die unter den Milleniumsentwicklungszielen gemacht wurden, auf. Laut UN geht es in Ziel Nr. 2 darum „den Hunger (zu) beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung (zu) erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft (zu) fördern, während Ziel Nr. 3 auf Gesundheit abzielt: „ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern“. Da Ernährung ein Querschnittsthema ist, hängen viele weitere SDGs direkt oder indirekt mit Ernährung und Gesundheit zusammen. Die SDGs sind sehr komplex und ihre Erreichung wird eine große Herausforderung sein, die profunde Einsatzbereitschaft von allen Beteiligten erfordert, besonders weil spezifische Handlungsverpflichtungen nicht erwähnt sind.


Strategie/Projektmodelle/Schwerpunkte


Die Gesundheits- und Ernährungsstrategie von World Vision heißt 7-11 (Seven-Eleven) und basiert auf einfachen, kostengünstigen und wissenschaftlich erprobten und effektiven Maßnahmen um die Mütter- und Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern nachhaltig zu senken und zur Erreichung der MEZs beizutragen. Es handelt sich hier um 7 Maßnahmen zur Förderung der Gesundheit von Schwangeren und 11 Maßnahmen für Kleinkinder – daher der Name 7-11.

7-11 Maßnahmen
7-11 Field Guide

Dies 7-11 Maßnahmen werden in World Vision Projekten mittels eines 3-dimensionalen Ansatzes umgesetzt, der darauf abzielt bereits bestehende Strukturen und Ressourcen auf Gemeindeebene zu stärken: Gesundheits- und Ernährungsbildung für Familien -vermittelt durch von World Vision geschulten Gesundheitsmitarbeitern - sollen zu verbesserten Praktiken und Verhalten auf Haushaltsebene führen und Eltern und ihre Kinder befähigen eigenständig ihre Gesundheit zu erhalten. Auf Gemeindeebene baut World Vision Kapazitäten von Gemeindegruppen, wie z.B. der Dorfgesundheitskommitees oder Frauengruppen, auf um die Gesundheits- und Ernährungssituation im Dorf zu überwachen und lokale Anwaltschaftsarbeit zu unterstützen. Die Zusammenarbeit von World Vision mit der Regierung auf nationaler Ebene sichert qualitativ hochwertige Gesundheitsdienstleistungen auf Gemeindeebene.

Um langfristige Erfolge zu erzielen sind World Vision einige Prinzipien in der Projektarbeit besonders wichtig: 

Empowerment  (die Befähigung für sich selbst zu sorgen) anstatt die Erbringung von Leistungen, wie z.B. die Verteilung von Medizin;

Prävention und verbesserter Zugang zu Gesundheitsdiensten um Krankheiten vorzubeugen oder frühzeitig behandeln anstatt ausschließlich kurative Pflege;
Bündeln von multi-sektoralen Interventionen um die komplexen Ursachen von Krankheit und Unterernährung anzugehen anstatt Einzelmaßnahmen durchzuführen.

Das Problem von Krankheit und Unterernährung in Entwicklungsländern ist sehr komplex und erfordert ein auf den Kontext zugeschnittenes Projektmodell. Basierend auf seinem reichen Erfahrungsschatz hat World Vision eine Reihe von Projektmodellen (weiter-) entwickelt, die in angepasster Form in World Visions Projektarbeit Einsatz finden – im Folgenden eine kleine Auswahl:

Community-Based Management of Acute Malnutrition – ein Ansatz zum Management bzw. Behandlung von akuter Unterernährung auf Gemeindeebene, der besonders in Nothilfesituationen mit hohen Unterernährungsraten (Kenia, Mauretanien) Einsatz findet.

Positive Deviance Hearth Plus (PDH+) – ein Gemeinde-basierter Ansatz, der auf lokalem Gesundheits- und Ernährungswissen und lokalen Ressourcen aufbaut um ein bestehendes Gesundheits- oder Ernährungsproblem (z.B. Untergewicht) in den Griff zu bekommen. Im Rahmen des PDH+ Projektes ist die zugrundeliegende Frage „warum gibt es in ein und derselben Gemeinde neben untergewichtigen Kindern auch normalgewichtige Kinder, die unter denselben Armutsbedingungen aufwachsen wie die untergewichtigen Kinder?" World Vision identifiziert zusammen mit den lokalen Gesundheitsbehörden zunächst positiv von der Norm/vom gängigen Gesundheits- und Ernährungsverhalten abweichende Familien mit normalgewichtigen Kindern und analysiert deren positive Gesundheits- und Ernährungspraktiken (Positive Deviance).
Anschließend werden diese positiven Verhaltensweisen durch Gruppenschulungen Frauen mit untergewichtigen Kindern vermittelt und in der Gruppe eine ausgewogene und auf die Bedürfnisse des untergewichtigen Kindes abgestimmte Zusatzmahlzeit zubereitet (Hearth Schulungen). Regelmäßige Unterstützungsbesuche von lokalen Gesundheitsmitarbeitern bei den teilnehmenden Familien garantieren den langfristigen Erfolg des Projektes. Um das PDH+ Projekt noch nachhaltiger zu gestalten, ist dem Ernährungsprojekt eine Produktionskomponente angehängt, welches Frauen im Anlegen und Management von Gemüsegärten unterstützt, so dass das angebaute Gemüse direkt für die Ernährung der Familie eingesetzt wird. PDH+ findet als Projektmodell besonders Einsatz in stabileren Ländern mit hohen Untergewichtsraten, in denen die Versorgungslage von Haushalten mit Nahrungsmitteln stabil ist.

Timed and Targeted Counseling (ttc) – ist ein zentraler Ansatz von World Vision, der weltweit großen Einsatz in World Vision Projekten findet. Bei ttc werden individuelle Haushalte von lokalen Gesundheitsmitarbeitern während und nach der Schwangerschaft zwölf Mal besucht werden um partizipativ und orientiert an den Problemen der Schwangeren Themen der Neugeborenenfürsorge, Hygiene, Stillen und Ernährung mit der werden Mutter, ihrem Mann und ggf. Großmutter zu diskutieren.

Grandmother-Inclusive Approach
(GMIA) – ist ein neuer Ansatz von World Vision, der zurzeit in Sierra Leone getestet wird. Im Rahmen des GMIA werden Großmütter effektiver in die Projektarbeit miteinbezogen. Warum Großmütter? Internationale Forschung hat gezeigt, dass Großmütter die Entwicklung und Gesundheit von Kleinkindern nachhaltig verbessern können. Das ist besonders in kollektiven Gesellschaften, wie sie oft in Asien und Afrika vorkommen, der Fall, wo Großmütter als Berater nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch in der Gemeinschaft, in der sie leben, wertgeschätzt werden. Im Rahmen des Projektes in Sierra Leone sollen Großmütter daher in ihrer traditionellen und kulturell typischen Rolle gestärkt und aktiv in die Projektarbeit einbezogen werden und ermutigt werden, z.B. gute Ernährungspraktiken für Kleinkinder in ihren Dörfern weiter zu vermitteln.

Field Guide Appendices


COMM -bedeutet Community Committee und ist ein Projektansatz zur Stärkung und Kapazitätsaufbau von Gemeindegruppen, damit diese eigenständig Gemeindeaktivitäten zur Verbesserung der Gesundheitssituation koordinieren und leiten. Die Leitung, Implementierung und Unterstützung von Aktivitäten durch die COMM trägt zur Stärkung der Gemeindesysteme bei.

Citizen Voice and Action (CVA) - ein Ansatz zur Anwaltschaftsarbeit auf lokaler Ebene. Er mobilisiert Bürger um Dienste der Regierung zu überwachen und mitzubestimmen. Das Ziel ist z.B. Gesundheitsdienste zu verbessern durch eine Stärkung der Beziehung zwischen den Gemeinden, den Dienstleistern und der Regierung. CVA ist als Projektmodell nicht auf den Gesundheitsbereich beschränkt, sondern kann als ein allgemeiner Ansatz verstanden werden um das Wohl der Kinder in der Gemeinde zu steigern.


Unsere Experten




   


    

    
     





Juliane Gross
Fachreferentin Ernährung und Gesundheit     


    














Marwin Meier
Themenmanager Gesundheit und Anwaltschaft
institut@wveu.org
Film zu MamanivaGroßmütterprojekt in Sierra Leone